Aufsichtsräte: EU will 67% Frauenquote per Gesetz

Nein, das ist kein Tippfehler. Sondern das faktische Ergebnis für die überwältigende Mehrheit aller kleinen und mittleren Unternehmen, die als börsennotierte AG firmieren, wenn sie den Gesetzesvorschlag der EU-Kommission umsetzen müssen. Zwar wurde offiziell „nur“ eine Frauenquote von 40 % genannt. Jedoch bestehen die allermeisten Aufsichtsräte in Deutschland* aus der gesetzlichen Mindestzahl von drei Personen. Wer also eine Frau und zwei Männer im Aufsichtsrat hat, erfüllt die Vorgabe nicht.

Eine Vergrößerung des Aufsichtsrats von drei auf sechs Personen (die Zahl muss gemäß § 95 AktG durch drei teilbar sein) wäre jedoch mit einigen Mehrkosten verbunden. Zudem steigt, wie ich aus eigener Erfahrung sagen kann, der Kommunikations- und (Termin-)Abstimmungsaufwand mit zunehmender Größe eines Gremiums exponenziell. Für betroffene Unternehmen ist das keine sinnvolle Lösung.

Somit sind mittelständische Firmen faktisch genötigt, künftig mindestens zwei Frauen in ihren Aufsichtsrat zu berufen und damit eine mindestens 67-prozentige Frauenquote umzusetzen – sprich: eine so sicherlich nicht gewollte Benachteiligung von Männern.

Lassen wir mal außen vor, dass die Regelung durchaus gravierend in die demokratischen Rechte der Aktionäre eingreift, die von ihnen gewünschten Vertreter in den Aufsichtsrat zu entsenden. Und vernachlässigen wir ferner, dass eine Firma ebenso wie ihr Vorstand technisch gesehen gar keinen Einfluss darauf hat, wer sie als Aufsichtsrat kontrolliert – im Gegensatz zur Einstellung von beispielsweise mehr weiblichem (Führungs-)Personal.

Ich stelle mir nur eine einzige Frage: Hat die EU sich über die Auswirkungen ihres Gesetzesvorschlags für mittelständische Firmen, die hierzulande nach meiner Schätzung** mehr als drei Viertel aller betroffenen börsennotierten AGs ausmachen, überhaupt Gedanken gemacht?

Denn für Konzerne wie Daimler, Telekom, Deutsche Bank und Co. ist eine Frauenquote egal welcher Höhe kein Problem (wir lassen auch hier die o.g. „Kleinigkeiten“ wie demokratische Defizite und begrenzte eigene Einflussmöglichkeit auf die von den Aktionären gewählten Vertreter mal außen vor). Angesichts ihrer Mammut-Gremien von je 20*** Aufsichtsräten sind Vorgaben zu dessen Zusammensetzung relativ gut in die Praxis umsetzbar.

Für mittelständische Unternehmen, die es ohnehin schwerer am Kapitalmarkt haben, hat die Vorgabe dagegen sehr wohl einige Auswirkungen. Daran ändert es wenig, dass AGs mit weniger als 250 Mitarbeitern bzw. 50 Mio. Euro Jahresumsatz ausgenommen sind – unterhalb dieser Eckdaten macht eine Börsennotiz angesichts der hohen damit verbundenen Kosten hierzulande ohnehin kaum noch Sinn.

Natürlich ginge für keine Firma die Welt unter, wenn die Vorgabe in Stein gemeißelt bleibt. Ein zusätzlicher Nachteil für Mittelständler gegenüber Großkonzernen ist sie allemal. Dabei wäre die Benachteiligung mittelständischer Firmen auch ohne komplettes Abrücken von einer gesetzlichen Frauenquote sehr einfach lösbar: statt 40 % Frauenquote einfach generell nur 30 % festschreiben. Alternativ wäre auch eine Regelung möglich, dass die 40 % erst ab einer Größe von neun Aufsichtsräten gelten.

Egal wie man generell zu einer Frauenquote steht, in der vorliegenden Form ist die Vorgabe der EU-Kommission jedenfalls vor allem eines: praxisfremd und mittelstandsfeindlich.

*ich betrachte hier mal bewusst nur Deutschland, da die aktienrechtlichen Regelungen von Land zu Land verschieden sind und der Blogpost sonst ausufert

**meines Wissens gibt es keine verlässliche Statistik über die Mitgliederzahl in Aufsichtsräten börsennotierter deutscher Firmen, ich kenne aber kaum Firmen außerhalb von DAX und MDAX/TecDAX mit mehr als drei Aufsichtsräten. Und selbst diese 110 größten börsennotierten Unternehmen haben nicht selten ebenfalls nur drei Aufsichtsratsmitglieder.

***dass diese Zahl nicht durch drei teilbar ist, resultiert aus §7 MitbestG

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Über kungler

Finanzanalyst, Immobilienhai und Unternehmer mit Idealen.
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2 Antworten zu Aufsichtsräte: EU will 67% Frauenquote per Gesetz

  1. Mandelbroetchen schreibt:

    Hallo Matthias.
    Deine Darstellungen stimmen so nicht. Der Gesetzesvorschlag spricht nicht von einer harten Quote sondern von einer relativen Quote. Dies bedeutet, dass bei zwei Bewerbungen bei gleicher Qualifikation(!) das unterrepräsentierte Geschlecht (nicht zwingend Frauen) bevorzugt werden soll, wenn die Quotierung noch nicht erreicht ist. Es heißt nicht, dass zwingend Frauen eingestellt werden müssen, bis diese Quotierung erreicht ist. Deswegen verstoßen auch Firmen, die diese Quotierung nicht erfüllen, nicht gegen den Gesetzesvorschlag.
    Im öffentlichen Dienst in Deutschland wird beispielsweise IMMER bei gleicher Qualifikation die Bewerbung von Frauen bevorzugt. Trotzdem liegen die Quoten in manchen wissenschaftlichen Fachbereichen teilweise im einstelligen Bereich.

    Viele Grüße,
    @mandelbroetchen

  2. m schreibt:

    „(…) eine so sicherlich nicht gewollte Benachteiligung von Männern.“

    Das wird dann einfach hingenommen. Wir werden uns wohl darauf einstellen müssen, dass es (gesellschaftlich) in Ordnung ist, wenn Männer mit einem eingeschränkten Rechtekatalog zu leben haben.

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